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Letzte Änderung:
July 04. 2017 16:15:59

Deportatiosbericht


Zwei ehemalige Deportierte aus Reußen in Siebenbürgen, heute wohnhaft in Deutschland, reisten Ende August 2005 in die Ukraine. Eine Spurensuche, die schmerzvolle Erinnerungen freilegte, wie Johann Lauer im Folgenden schildert.

In der Nacht vom 12. auf den 13. Januar 1945 um Mitternacht kamen in jedes Haus, in dem Sachsen wohnten, Männer zwischen 17 und 45 Jahren und Frauen zwischen 18 und 32 Jahren, rumänische Männer. Mit diesen hatten wir seit dem Jahre 1780 friedlich zusammengelebt, als sie erstmals in unserem Dorf sesshaft geworden waren. Bewaffnet mit Sensen, Äxten und Mistgabeln, sagten sie den betroffenen Personen, dass sie bis zum nächsten Morgen das Haus nicht mehr verlassen dürften. Sie meinten, es hätte keinen Zweck zu fliehen, da das ganze Dorf umstellt sei. Wir sollten uns warme Kleidung anziehen und Verpflegung einpacken, denn wir würden nach Russland deportiert. (...) Im Morgengrauen führten uns unsere Bewacher in den sächsischen Gemeindesaal und übergaben uns den dort wartenden rumänischen und russischen Soldaten. Den ganzen Tag wurde gezählt und nach Entflohenen gesucht. In der Abenddämmerung wurden wir auf die Straße getrieben, jeder mit seinem Bündel auf dem Rücken. Eine junge Frau hatte ihr einjähriges Kind im Arm. Auf der Straße war dicker Schnee, in welchem wir dann wie das Schlachtvieh 6 km bis nach Stolzenburg getrieben wurden. Hier wurden wir in der Staatsschule zu den Stolzenburgern eingesperrt. (...) Am nächsten Tag um die Mittagszeit kamen russische Soldaten mit großen Lastautos und fuhren auf den Bahnhof. Es hatten sich viele alte Leute vor dem Pfarrhaus versammelt und weinten, als sie sahen, wie wir auf die Laster, Männer und Frauen gemischt, verfrachtet wurden. Als die Frau, welche ich bereits erwähnt habe, mit ihrem Kind im Arm zum Laster getrieben wurde, entriss ihr ein rumänischer Soldat das Kleinkind aus ihrem Arm, warf es in den Haufen der weinenden alten Leute und schob sie auf den Laster. Der rumänische Soldat gab der Frau keine Gelegenheit, ihr Kind noch einmal zu sehen. Wir kamen in verlauste Viehwaggons, je nach Größe 40 bis 80 Personen. In der Mitte des Viehwaggons war ein Ofen, allerdings kein Holz, keine Kohle. Rechts und links von den Türen waren doppelte Pritschen, aber in dem Wagen, in dem ich war, waren wir so viele Personen, dass nicht ein jeder Platz hatte auf einer Pritsche zu liegen. So mussten wir uns abwechseln und stundenlang in der Mitte des Waggons stehen. Außerdem befand sich kein Loch im Boden des Waggons, um unsere Notdurft erledigen zu können.

60 Jahre später am Ort der Deportation: Vor dem Eingang in die Fabrik, wo die beiden Siebenbürger Sachsen von ihrem 17. bis 22. Lebensjahr Zwangsarbeit leisten mussten.
60 Jahre später am Ort der Deportation: Vor dem Eingang in die Fabrik, wo die beiden Siebenbürger Sachsen von ihrem 17. bis 22. Lebensjahr Zwangsarbeit leisten mussten.

Am 31. Januar 1945 kamen wir spätabends in Dnjepropetrowsk an. Hier wurden wir per Zufallsverfahren in drei Lager verteilt. Die Reußner kamen in folgende Lager: In das Lager 1416 kamen 18 Männer und drei minderjährige Knaben. In das Lager 1420 kamen elf Frauen und 18 minderjährige Mädchen. Vier Frauen, 19 minderjährige Mädchen und sieben minderjährige Knaben wurden weiter nach Dnjeproderjinski gebracht. Sieben Männer und drei Frauen sind in mir unbekannte Lager verschleppt worden. Davon waren eine Frau aus Reußen, zwei Frauen aus Hermannstadt und die sieben Männer, die in der rumänischen Armee gedient hatten. Ich kann jetzt nur beschreiben, wie es uns im Lager 1416 ergangen ist. Wir haben bis im Jahre 1947 ohne Strohsack und ohne Decke in fast ungeheizten Baracken geschlafen, wir bekamen drei Mal am Tag eine Gurkensuppe. In dieser Zeit starben von den 18 Reußnern in unserem Lager acht Männer, drei Männer wurden schon im Herbst 1945 aufgrund ihrer Arbeitsunfähigkeit nach Hause entlassen. Drei Männer wurden 1947 arbeitsunfähig nach Deutschland entlassen, von diesen starb einer auf der Reise und wurde irgendwo in Polen aus dem Waggon geworfen. Zwei Männer wurden aus Altersgründen im Jahre 1948 entlassen. Ein Mann und drei Jungen kamen im Jahre 1949 vor Weihnachten frei und ein Mann erst 1951. Das Niederträchtigste war, dass die Jungen der Jahrgänge 1927 und 1928 schon im April 1950, also vier Monate danach, unter dem Vorwand, zum Militär zu müssen, von den Rumänen wieder zur Zwangsarbeit eingezogen wurden.

Vom 28. August bis 11. September 2005 waren wir, die letzten beiden Reußner aus dem Lager 1416, zwei Wochen in der Ukraine unterwegs, um uns zu erkundigen, wo die sterblichen Überreste von den vielen in Dnjepropetrowsk Verstorbenen ruhen. Von der Stadtverwaltung wurde uns gesagt, dass Friedhöfe in der Stadt in Parks umgewandelt worden wären und die Toten in Sammelgräbern beigesetzt worden seien. Da wir keine Erkennungsmarken hatten, ist es verständlich, dass von denen, die in den Lagern verhungert sind, keine Namen auf den Gedenktafeln sein können. Ich war auch beim Vergraben eines jungen Mädchens aus unserem Lager dabei. Es war im Sommer 1947, als ein Leidenskamerad und ich mit der Leiche, die in einem Leintuch eingewickelt war, zum damaligen Friedhof fuhren. Wir schaufelten ein Grab und legten die Tote ohne das Leintuch, in welches sie eingewickelt war, ins Grab. Das Leintuch mussten wir wieder im Lager abgeben.

Obwohl wir in all den Jahren mit Hunger und Tod leben mussten, überkommt mich auch heute noch ein Schauer, wenn ich daran denke. Von der Stadtverwaltung sind wir dann mit einem Taxi zu einer von ihnen beschriebenen Gedenkstätte gefahren. Dort legten wir einen Kranz nieder und gedachten im Stillen all derer, die unter so menschenunwürdigen Umständen gestorben sind und begraben wurden. Nach dem in diesen zwei Wochen in der Ukraine Erlebten bin ich überzeugt, dass es richtig ist, eine Gedenktafel auf dem Reußner Friedhof zu errichten. Auf dieser Gedenktafel sollen alle Namen der Personen, die in der Verschleppung waren und die ihr Leben auf den Schlachtfeldern im 2. Weltkrieg verloren haben, aufgeschrieben sein.

Johann Lauer, Bad Gögging




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